Ritter beim Gestech

Des Ritters liebster Zeitvertreib

3D-Modell des Fragments einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Ritter beim Gestech in taubandbesetztem Medaillon von der Burg Bartenstein, Untermain, letztes Drittel 15. Jahrhundert, Partenstein, Burg Bartenstein, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 1738a, H. 10,6 cm, Br. 9,4 cm

Das Fragment einer grün glasierten Ofenkachel mit nach links reitendem Ritter mit eingelegter Lanze wurde gegen 1480 gefertigt. Es steht stilistisch in enger Verbindung mit einer Serie von Kacheln mit taubandbesetzten Medaillons, deren Hauptverbreitungsgebiet die Nordschweiz und der Oberrhein waren. Eine Datierung in die zweite Hälfte 15. Jahrhunderts weist die Kachel der letzten größeren Umbauphase auf der Burg Partenstein zu.

Vom Kachelblatt mit einem Ritter beim Gestech hat sich die obere linke Ecke sowie der Großteil des Innenfelds erhalten. Ein Vergleich mit der Ritterkachel vom Typ 2 nach Jean-Paul Minne1 zeigt, dass der Reiter ursprünglich von einem runden, taubandbesetzten Medaillon umschlossen war. Die oberen beiden Zwickel wiesen Drachen auf.

Die Rekonstruktion der Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Ritter beim Gestech von der Burg Bartenstein ist mit Hilfe einer Kachel aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg möglich.2 Ein übereinstimmendes Relief findet sich auf einer Halbzylinderkacheln vom Collegium Majus der Universität Erfurt.3 Im Innenfeld erkennt man einen nach links reitenden Mann. Er ist in Seitenansicht wiedergegeben. Der Reiter sitzt auf einem sich aufbäumenden Pferd. Die parallel angeordneten Hinterläufe berühren die Unterkante des Innenfelds. Die Vorderläufe sind erhoben. Der durch die Schritthaltung vorgegebene Bewegungsmoment korrespondiert mit dem leichten Aufbäumen des Pferdekörpers. Der lange Schweif ist zwischen die Hinterläufe geklemmt. Er steht in seiner Gestaltung im Widerspruch zu der im restlichen Relief erkennbaren Dynamik, die durch die Bewegung des Pferdes und durch die nach hinten wehenden Bänder der Helmzier zum Ausdruck gebracht wird. Auf dem Pferderücken liegt ein wuchtiger Sattel mit hochstehendem Rückensteg. Nach vorne weist er einen ausladenden, schildförmigen Schutz auf, der mit dem Sattel eine Einheit bildet. Bei dem Sattel handelt es sich um einen holz- und eisenverstärkten, ledernen Turniersattel. Unter dem Beinschutz erkennt man die mit Radsporen besetzten, spitz zulaufenden Schnabelschuhe des Reiters. Der Ritter ist mit einer eigens für das Turnier gearbeiteten Rüstung, dem Stechzeug bekleidet. Charakteristisch dafür ist der spitz nach vorne zulaufende Helm mit sehr schmalem Sehschlitz. Damit sollte vermieden werden, dass sich die Lanze bei einem Turnier in den Kopf bohrte. Andererseits war das Sichtfeld erheblich eingeschränkt. Auf dem Helm sitzt eine Helmzier in Form einer großen Feder. Zur Helmzier gehört noch die Helmdecke, deren Enden weit nach hinten flattern. Die linke, zum Betrachter weisende Schulter des Reiters ist mit einer Tartsche bedeckt. Der Schild diente weniger als Schutz denn als Zielmarkierung. Mit seiner linken Hand zügelt der Reiter sein Pferd. Der Pferdekopf wird dadurch fast an die Brust gezogen und unterstreicht die Anspannung des dramatischen Moments unmittelbar vor dem Zusammentreffen der beiden Kontrahenten im Turnier. Mit seiner Rechten justiert der Reiter die auf dem Rüsthaken aufliegende hölzerne Lanze. Zum Schutz der Hand diente eine trichterförmige Brechscheibe, die jedoch in der vorliegenden Darstellung vom Reiter verdeckt wird. Der Lanzenschaft endet knapp vor dem rechten Ellenbogen.

Beim Turnier ging es darum, mit der Lanze die gegnerische Tartsche zu treffen und dadurch den Kontrahenten vom Pferde zu werfen. Daß sich das Turnier im ausgehenden Mittelalter zum Sport der „oberen Zehntausend“ entwickelte, hing mit dem dafür benötigte Equipment zusammen. Die Mischung aus Prachtentfaltung, Highsociety und Nervenkitzel machte das Lanzenturnier, das Tjosten, populär. Wegen ihrer Extravagazen und Gewalttätigkeiten wurden Turniere von Päpsten und Königen verurteilt. Der Turniertod wurde von der Kirche offiziell als Selbstmord angesehen, was einer Todsünde gleichkam. All dies konnte jedoch auf Dauer die Attraktivität des Tjostens nicht vermindern.

Ritter beim Gestech zählen zu den bestuntersuchtesten Bildmotiven auf spätgotischen Kacheln.4 Alle Darstellungen tjostender Ritter entsprechen sich im Grundtypus. Die Angabe der Details beschränkt sich jeweils auf die für das Verständnis der Szene wichtigen Bildelemente. Beiwerk wie Hintergrund oder Zuschauer fehlen. Die Motiventwicklung wurde zuletzt von Fabian Brenker skizziert.5 Er verwies in seiner Studie auf die Problematik bei der exakten Ansprache der Szene. Die Unterscheidung zwischen Reiterspiel und Kampfgeschehen ist bei den stark stilisierten Kachelreliefs kaum möglich. Der Einsatz eines Turniersatteln allerdings weist das entsprechende Relief eindeutig dem Turnier zu.

Ofenkacheln mit Ritter beim Gestech können in zwei Grundtypen unterteilt werden. Neben dem Anrennen wird in Einzelfällen auch der Zusammenstoß beider Kontrahenten dargestellt, erkennbar daran, daß die gegnerische Lanzenspitze die Rüstung des Ritters berührt. Chronologisch lassen sich die Einzeldarstellungen von tjostenden Rittern in mehrere Gruppen untergliedern. Als Vorform entstanden bereits im 14. Jahrhundert frühe Blattkacheln, auf denen ein mit Schwert, gelegentlich auch mit einer nach oben gerichteten Lanze bewaffneter Reiter dargestellt ist. Bei der ältesten Gruppe mit der Darstellung eines Ritters beim Gestech wird das quadratische Bildfeld von einer einfachen Leiste umschlossen. Die Rekonstruktion eines Ofens im Schloß Buonconsiglio in Trient deutet an, daß vergleichbare Reliefs in alternierendem Wechsel mit schreitenden Löwen und heraldischen Motiven in einen zylindrischen Oberofen eingelassen waren.6 Am Oberrhein, in der Nordschweiz und auch in Unterfranken lassen sich zahlreiche Belege für Kacheln finden, auf denen der Reiter in ein mit losem Tauband besetztes, rundes Medaillon einbeschrieben ist.

Verbreitung der Halbzylinderkacheln mit geschlossenen Vorsatzblättern mit Rittern beim Gestech in taubandbesetzten Medaillons
Legende: rot: Kachelofenstandort; blau: Produktionsstandort

Weisen die frühen Turnierreliefs noch auffallende Ähnlichkeiten mit der Manessischen Liederhandschrift auf, so zeigen die zahlreichen spätgotischen Ausbildungen des Motivs stilistisch eine große Nähe zu den Holzschnitten und Kupferstichen oberrheinischer Künstler im Umkreis von Martin Schongauer. Da der Themenkreis der tjostenden Ritter in den Kompendien für Druckgraphiken nur sporadisch aufgeführt wird, läßt sich bislang keine direkte graphische Vorlage nachweisen, nach der die Partensteiner Kachel geschaffen wurde.

Das Verbreitungsgebiet von Kacheln mit Rittern beim Gestech erstreckt sich von Dänemark bis Südtirol und vom Elsaß bis nach Ungarn. Ein Schwerpunkt bildet der südliche Oberrhein. Motivgebend war der südliche Oberrhein, insbesondere die Zentren der spätgotischen Kunst in Basel, Colmar und Straßburg.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

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  1. Minne 1977, S. 246-247, Kat.-Nr. 178
  2. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. A 3079
  3. Weimar, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Inv.-Nr. 2119/01 (Lappe 2003, Taf. 15)
  4. Bauer 2018, Bd. 2, S. 268-271 (Motiv P 22); Brenker 2021, S. 61-108; Eskenasy/Rusu 1981; Geßler 1931; Gruia 2009; Jordánková/Loskotová 2007; Loskotová 2012; Marcu Istrate 2001; Minne 1977, S. 244-253, Kat.-Nr. 177-186; Mizgan 2001; Pillin 1990, S. 72-73, Kat.-Nr. 18; Rădulescu 2000; Rosmanitz 1994, S. 54-60, Kat.-Nr. 6; Rusu 2014; Tamási 1995, S. 57-59. Siehe zusammenfassend https://furnologia.de/motive/ritter-beim-gestech-aus-partenstein/, Zugriff: 5.1.2022
  5. Brenker 2018; Brenker 2021, S. 61-108
  6. Caporilli 1986, S. 58, Abb. 7