NK Einhorn

Was hat ein Einhorn auf Ofenkacheln zu suchen?

3D-Modell des Fragments einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit wilder Frau mit Einhorn von der Burg Bartenstein, Untermain, letztes Drittel 15. Jahrhundert, Partenstein, Burg Bartenstein, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 1744, H. 18,0 cm, Br. 12,0 cm
Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit wilder Frau mit Einhorn, das vor einem Baum steht, Schmalkalden, Museum Schloß Wilhelmsburg, H. 16,0 cm, Br. 16,0 cm

Ausgangspunkt der Betrachtung ist ein Kachelfragment, das aus fünf Einzelscherben zusammengesetzt werden konnte.1 Es wurde 2004, im zweiten Jahr der Grabungen auf der Burg Bartenstein, gefunden. Die Ofenkeramik stammt aus den oberen Schichten der Verfüllung des südlichen Zwingers (Schnitt 1). Die bis zu drei Meter mächtige Auffüllung besteht aus Müll und Bauschutt. Vieles davon ist dem Küchentrakt zuzurechnen, der unmittelbar südlich an die dortige Ringmauer angebaut war.

Die grünglasierte, oxidierend gebrannte Keramik weist im Bruch einen zweischichtigen Aufbau auf. Ihre Vorderseite ist mit einem verwaschenen Relief besetzt. Darunter zeichnet sich eine dünnen Schicht aus hell brennender Keramik ab. Der Kachelkörper besteht aus rot brennendem Ton. Von dem reliefierten Vorsatzblatt hat sich etwa ein Fünftel erhalten. Augenfällig sind die angewinkelten Beine eines Huftieres und dessen ins Profil gedrehter Körper. Im Hintergrund sind baumartige Strukturen zu erahnen. Der Abgleich mit einer Kachel aus dem thüringischen Schmalkalden, der Albrecht Kippenberger im Jahre 1929 einen kleinen Aufsatz widmete,2 erlaubt die Ansprache des Reliefs als Wilde Frau mit Einhorn. Das Bildfeld auf der Partensteiner Kachel zeigt demnach eine auf einem Felsen sitzende Frau mit übereinandergeschlagenen Beinen. Ihr unbekleideter Körper ist, abgesehen vom Kopf, fellbesetzt. Er kann aufgrund der Behaarung den im späten Mittelalter sehr populären „Wilden Leuten“ zugewiesen werden.3 Das Gegenstück zur sitzenden Frau bildet in der linken Bildhälfte ein kleiner, belaubter Baum. Vor ihm steht ein Einhorn. Es legt sein rechtes Vorderbein vertrauensvoll auf die vor ihm sitzende Frau. Die innige Verbundenheit von Einhorn und Frau kommt auch in ihren Händen zum Ausdruck. Mit der Rechten streichelt sie den Nacken des Fabelwesens, ihre Linke umklammert die Spitze eines langen Horns, das dem Fabelwesen aus der Stirn gewachsen ist. Eine breite, gekehlte Leiste schließt das Bildfeld nach außen hin ab. Auf der Kehle liegen schmale, glatte Leisten auf.

3D-Modell der Rekonstruktion des Vorsatzblattes der Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit wilder Frau mit Einhorn von der Burg Bartenstein
Die wilde Frau mit dem Einhorn aus dem „Kleinen Kartenspiel“ des Meister E. S., Kupferstich, um 1480 (aus Schuler, Alfred, Franzen, Denis/Franzen. Josef 2009, Abb. 245)

Bereits Kippenberger gibt als graphische Vorlage des Motivs einen Kupferstich des Meisters E. S. an.4 Der Kupferstich ist Teil des von diesem geschaffenen „kleinen Kartenspiels“. Den Schmalkalder Befundkontext am Auertor interpretiert er in Anlehnung an den urkundlich benannten Töpfer „Hans der Töpfer vorm Auertor“ als Abwurf einer spätgotischen Töpferei. Möglicherweise hat Kippenberger auch aus der weißen Behautung des Reliefs geschlossen, dass es sich dabei nicht um ein in einem Ofen eingebautes Endprodukt sondern um einen im Fertigungsprozeß verworfenen Schrühbrand handeln könne. Bei seinen Ausführungen zu den Ofenkacheln vom Augustinerkloster am Baiselberg bei Vaihingen an der Enz stellt Fritz Wullen eine modelgleiche Kachel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.5 Wie zuvor Kippenberger unterzieht auch Wullen das Motiv einer eingehenden ikonographischen Betrachtung. Beide sehen als Dreh- und Angelpunkt für die Bilddeutung die Einhornjagd, die Chasse à la Licorne, wie sie auf den um 1500 entstandenen Bildteppichen in Paris und New York ihren bildnerischen Höhepunkt fand.6

Um das Bildmotiv zeitlich wie räumlich besser einordnen zu können, bietet sich ein Abgleich mit den Spielarten der Frau mit dem Einhorn auf Ofenkeramiken an.7 Erste Zusammenstellungen gaben Konrad Strauss (1983), Judit Tamási (1995), sowie Čeněk Pavlík und Michal Vitanovský (2008).8 Drei Spielarten der Darstellung sind hier voneinander zu trennen.9 Das Partensteiner Fragment ist dem Typ 3 zuzuweisen:

Initialzündung am spätgotischen Oberrhein

Verbreitung von Kachelreliefs mit wilder Frau mit Einhorn Legende: rot: Kachelofenstandort; blau: Produktionsstandort

Die Kartierung der bislang bekannten Kacheln mit Jungfrau und Einhorn liefert erste Informationen zur Verortung des Typs im überregionalen Kontext. Der Verbreitungsraum erstreckte sich demzufolge im Süden und auch im Westen bis in das elsässische Saverne und im Norden bis in das südthüringische Schmalkalden. Den östlichsten Punkt bildet das sächsische Mittweida.

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit wilder Frau mit Einhorn, Saverne, 6 Rue Neuve, Saverne, Centre des Recherches Archéologiques Médevales de Saverne, Inv.-Nr. 506.0010.0001 SA, H. 20,5 cm, Br. 19,5 cm

Die am größten dimensionierten Kacheln stammen aus einer Werkstatt in Saverne.10 Der Dreh- und Angelpunkt der spätgotischen Kunst am Oberrhein lag jedoch nicht in Saverne, sondern im südöstlich davon gelegenen Straßburg.11 Dort könnte auch der Schöpfer der graphischen Vorlage, der Meister E. S. seine Werkstatt betrieben haben. Das Bindeglied des künstlerischen und handwerklichen Austauschs zu Saverne dürfte der Landesherr, der Bischof von Straßburg, gewesen sein.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

Appuhn, Horst (1989): Meister E. S. Alle 320 Kupferstiche (Harenberg Edition. Die bibliophilen Taschenbücher 567), Dortmund.

Berens, Aloysia Romaine; Ollivier, Marc (2008): Die spätmittelalterlichen Einhorn-Teppiche in Paris und New York, Luxemburg.

Kippenberger, Albrecht (1929): Die gotische Ofenkachel mit der Darstellung von Waldfrau und Einhorn im Henneberger Museum in Schmalkalden. In: Neue Beiträge zur Geschichte deutschen Altertums 22, S. 30–33.

Pavlík, Čeněk; Vitanovský, Michal (2008): Magický jednorožec a jeho ztvárnění na kachlích gotiky a renesance. [Die magische Einhorn und seine Gestaltung auf Kacheln der Gotik und der Renaissance]. In: Archaeologia historica 33, S. 539–558.

Rapp Buri, Anna; Stucky-Schürer (1990): Zahm und wild. Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahhrhunderts, Mainz.

Recht, Roland (2011): Niclaus Gerhaert und seine Zeit. In: Chantal Eschenfelder (Hg.): Niclaus Gerhaert. Der Bildhauer des Mittelalters, Frankfurt am Main, S. 20–31.

Rosmanitz, Harald (2017): Vom Hölzchen auf´s Stöckchen. Was hat ein Einhorn auf Ofenkacheln zu suchen? In: Christoph Rinne; Jochen Reinhard; Eva Roth Heege; Stefan Teuber (Hg.): Vom Bodenfund zum Buch. Archäologie durch die Zeiten. Festschrift für Andreas Heege zum 60. Geburtstag, Bonn, S. 273–288.

Schuler, Alfred, Franzen, Denis; Franzen. Josef (2009): Ausgrabungen in und um St. Simon und Judas Thaddäus. In: Archäologie im Rheinland 2008, S. 151–154.

Strauss, Konrad (1983): Die Kachelkunst des 15. bis 17. Jahrhunderts in europäischen Ländern. III. Teil, München.

Tamási, Judit (1995): Verwandte Typen im schweizerischen und ungarischen Kachelfundmaterial in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Vergleichsuntersuchungen zu den Werkstattbeziehungen zwischen dem oberrheinischen Raum und Ungarn (Müvészettörténet-Müemlékvédelem VIII), Budapest.

Wullen, Fritz (1987): Bildmotive auf Ofenkacheln aus dem Augustinerkloster am Baiselsberg. In: Beiträge zur Geschichte, Kultur- und Landschaftskunde. Schriftenreihe der Stadt Vahingen an der Enz 5, S. 119–142.


  1. Partenstein, Burg Bartenstein, Schnitt 1, Schicht 2: Fd.-Nr. 1744 sowie Schnitt 5h, Schicht 1, Fd.-Nr. 1514 (Partenstein, Museum Ahler Kram)
  2. Kippenberger 1929
  3. Rapp Buri/Stucky-Schürer 1990, S. 52-54.
  4. Kippenberger 1929, S. 31, Abb. 2; Schuler, Alfred, Franzen, Denis/Franzen. Josef 2009, L. 229, Abb. 245
  5. Wullen 1987, S. 121-124
  6. Berens/Ollivier 2008
  7. Die übergreifenden Thematiken „Einhorn“ und „Wilde Leute“ finden bei der vorliegenden Betrachtung keine Berücksichtigung.
  8. Strauss 1983, S. 13-14, Taf. 24-25; Tamási 1995, S. 49-50; Pavlík/Vitanovský 2008
  9. Rosmanitz 2017, S. 277-278
  10. Saverne, 6 rue Neuve, Grabung 2003 (Saverne CRAMS, Inv. Nr. 506.0010.0001-0007 WA), H. 20,5 cm, Br. 19,5 cm
  11. Recht 2011