NK Christophorus

Christophorus – eine spätgotische Reiseversicherung


3D-Modell des Fragments einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Christophorus mit dem Jesuskind von der Burg Bartenstein, Untermain, letztes Drittel 15. Jahrhundert, Partenstein, Burg Bartenstein, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 1035, H. 22,0 cm, Br. 18,3 cm

Von der Halbzylinderkachel mit dem Heiligen Christophorus hat sich bis auf die obere rechte Ecke annähernd das vollständige Vorsatzblatt erhalten.1 Über modelgleiche Kachel aus einer Töpferei in der Rebenstraße in Karlsruhe-Durlach lässt sich das Relief vervollständigen.

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Christophorus mit dem Jesuskind aus Karlsruhe-Durlach, Rebenstraße, Karlsruhe-Durlach, Privatbesitz, H. 21,3 cm, Br. 17,4 cm

Vor glattem Hintergrund wird das Innenfeld von der nach links schreitenden Figur eines alten Mannes eingenommen. Sein Kopf mit langem, lockigem Haupthaar und dem mächtigen, in zwei Spitzen auslaufenden Bart ist dem Betrachter zugewandt. Er stützt sich mit beiden Händen auf einen Stamm, von dessen oberem Drittel Äste in alle Richtungen abstehen. Der bogenförmig nach oben wehende, von Knickfalten durchzogene Überwurf verleiht der Darstellung die ihr ansonsten fehlende Dynamik. Der Mantelsaum leitet über zu einem Kind. Es sitzt auf den Schultern des alten Mannes. Mit seiner linken Hand greift es in die Haare seines Trägers. Die angewinkelte Rechte hat das frontal zum Betrachter sitzende Kind, dessen Kopf von einem Nimbus hinterfangen ist, zum Segnungsgestus erhoben. Eine schmale Arkade mit Halbstäben und mit Akanthusrosetten in den Zwickeln und eine breite Leiste mit einer mit Eicheln besetzten Kehle umrahmen die Szene.


3D-Modell der Rekonstruktion des Vorsatzblattes der Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Christophorus mit dem Jesuskind von der Burg Bartenstein
Christophorus mit dem Jesuskind. Kupferstich des Meister E. S., um 1480 (aus Appuhn 1989, Abb. 143)

Verglichen mit der Verkündigung, mit der Anbetung durch die Könige oder mit Samson als Löwenbezwinger sind Darstellungen des Heiligen Christophorus mit dem Jesuskind auf seinen Schultern2 auf reliefierter Ofenkeramik vergleichsweise selten. Dies mutet seltsam an, wird der Heilige doch als einer der vierzehn Nothelfer gerade in der Spätgotik außerordentlich oft dargestellt.

Die Motivrezeption verweist auf einen Nutzungsschwerpunkt im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Das Bildmotiv, dessen Beziehungen zu einem Kupferstich des Meisters E. S. unverkennbar sind,3 war am Oberrhein verbreitet. Das Verbrauchermilieu strahlt in den Rhein-Main-Raum aus.

Verbreitung von Kachelreliefs mit Christophorus mit dem Jesuskind
Legende: rot: Kachelofenstandort; blau: Produktionsstandort

Seine Vita wird in der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine um 1264 folgendermaßen geschildert:4 Der Riese Christophorus (= der, der Christus trägt) war Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem mächtigsten König. Ein Eremit machte ihn auf Jesus Christus aufmerksam. Fortan verdingte sich Christophorus damit, daß er Reisende auf seinen Schultern über einen ansonsten unpassierbaren Fluß trug. Ein kleines Kind lastete bei dieser Passage immer schwerer auf seinen Schultern. Der Christusknabe offenbarte sich seinem Träger mit den Worten „Mehr als die Welt hast Du getragen. Der Herr, der die Welt erschaffen hat, war deine Bürde.“

Christophorus ist der Patron der Schiffer, Fuhrleute, Gärtner und Reisenden. Ab dem 19. Jahrhundert fungierte Christophorus auch als Schutzheiliger der Kraftfahrer. Starb ein Reisender, ohne dass er zuvor die letzte Ölung erhalten hatte, so genügte nach mittelalterlicher Glaubensvorstellung ein Blick auf eine Christophorusdarstellung, um ihm trotzdem einen Zugang zum Jüngsten Gericht zu ermöglichen. Es verwundert daher kaum, dass übermannshohe Christophorusdarstellungen an weithin sichtbarer Stelle an Kapellen oder innerhalb von Kirchen angebracht waren.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

Appuhn, Horst (1989): Meister E. S. Alle 320 Kupferstiche (Harenberg Edition. Die bibliophilen Taschenbücher 567), Dortmund.

Benz, Richard (1984): Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine. 10. Aufl., Heidelberg.

Bielich, Mário (2012): Religious figural motifs on stove tiles from Slovakia. [Religiöse figurale Motive auf Ofenkacheln aus der Slowakei]. In: Studies in Postmedieval Archeology, S. 477–509.

Brenker, Gertrud (1974): Christophorus. Patron der Schiffer, Fuhrleute und Kraftfahrer. Legende, Verehrung, Symbol, München.

Höfler, Janez (2007): Der Meister E. S. Ein Kapitel europäischer Kunst des 15. Jahrhunderts, Regensburg.

Pillin, Hans-Martin (1990): Kleinode der Gotik und Renaissance am Oberrhein. Die neuentdeckten Ofenkacheln der Burg Bosenstein aus den 13.-16. Jahrhundert, Kehl.

Rosmanitz, Harald (2012): Graphische Vorlagen und ihre Umsetzung. In: Eva Roth Heege (Hg.): Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 39), Basel, S. 64–67.


  1. Rosmanitz 2012, S. 64, Abb. 62-63
  2. Zur Ikonographie siehe Bielich 2012, S. 496; Brenker 1974; Pillin 1990, S. 68-70, Kat.-Nr. 17
  3. Appuhn 1989, Abb. 143; Höfler 2007, Bd. 2, Abb. 140
  4. Benz 1984, S. 498-503