BK Diamantschnitt

Voll facettiert – der Diamantschnittdekor

3D-Modell des Fragments einer Blattkachel mit Diamantschnittdekor von der Burg Bartenstein, Untermain, zweite Hälfte 16. Jahrhunderts, Partenstein, Burg Bartenstein, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 2312, H. 22,7 cm, Br. 13,1 cm

In den Verfüllungen zwischen südlicher Ringmauer und südlicher Zwingermauer lagen 44 Fragmente eines Kachelofens, der ausschließlich ornamental dekoriert gewesen sein dürfte. Das hochrechteckige Relief zeigt einen dreizeiligen Besatz mit rautenförmig angeordnetem, gleichartigem Diamantschnitt. Der ins Negativ gekehrte, kleinteilige Diamantschnitt wird von einer breiten Rahmenleiste eingefaßt. Sie setzt sich aus einer glatten Kehle und einer glatten, schmalen Leiste zusammen. Auf der Burg Bartenstein haben sich drei Varianten des Motivs erhalten: Die Kachel kann an ihrer Vorderseite glatt oder ausschwingend gearbeitet sein, Bei über Eck geführten Blattkacheln wurde dem Diamantschnitt ein vertikaler, halbrunder Eckstab mit lose aufgelegtem, punktbuckelbesetztem Tauband beigegeben.

Die Ursprünge des Diamantschnittdekors1 sind im Kachelbesatz von Eckbereichen und oberen Abschlüssen mit kleinteiliger Bossierung zu suchen. Der Dekor greift entsprechende Ausbildungen in Eckbereichen von Gebäuden auf. So konnten die Ecken der Zwinger- und der Ringmauer der Burg Bartenstein mit solchen Bossen aufwarten. Bossierungen waren auf Ofenkacheln im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts in der südlichen Hälfte all jener Regionen Europas anzutreffen, in denen Kachelöfen zur Beheizung von Innenräumen in Gebrauch waren.2

Im Gegensatz zur Bossierung und zum „echten“ renaissancezeitlichen Diamantschnitt, wie er in der Architektur verstärkt in Eckbereichen und Portalen zum Einsatz kam, ist der hier vorgestellte Besatz ins Negativ gekehrt. Die einzelnen Versatzstücke des kleinteiligen Dekors des Kachelinnenfelds zieht von der breiten Rahmung aus gesehen nach hinten ein. Vier Spielarten des einziehenden Diamantschnittdekors sind zu unterscheiden:

  • Typ 1: hochrechteckiges Format mit Beschränkung auf den Besatz mit Diamantschnitt, wobei der am tiefsten gelegene Punkt in der Bildmitte entweder den Punkt des Zusammentreffens der vier schrägen, glatten Flächen markiert oder mit einem kleinen, ebenfalls glatten Rechteck besetzt ist,
  • Typ 2: quadratisches Format mit Beschränkung auf den Besatz mit einem Diamantschnitt. Der Bildmittelpunkt kann als eine kleine quadratische, glatte Fläche ausgebildet sein,
  • Typ 3: hochrechteckiges Format mit vertikal zweigeteiltem Bildfeld, bei dem der am tiefsten gelegene Punkt der beiden schmäleren Diamantschnittbesätze jeweils mit einem kleinen, glatten Rechteck besetzt sein kann,
  • Typ 4: Besatz des Kachelblattes mit kleinteiligem Diamantschnittdekor. Solche Kachelreliefs werden den Tapetendekoren zugewiesen. Die langlebigste Variante war noch um 1700 in Gebrauch.
Rekonstruktion des renaissancezeitlichen Kachelofens mit Blattkachel mit Diamantschnittdekor von der Burg Bartenstein

Die Kacheln mit Diamantschnittdekor von der Burg Bartenstein sind dem Typ 4 zuzuweisen. Über den Fundzusammenhang in Partenstein und über Vergleichsfunde wie der 1574 datierte Ofen mit Diamantschnittdekor im Wohnturm von Schloss Mörsburg bei Winterthur3 können die hier vorgestellten Kacheln in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert werden.

So reliefierte Kacheln sind der Gruppe der Ofenkacheln mit Tapetendekoren zuzurechnen.4 Ihre Muster aus Ornamenten oder pflanzlichen Versatzstücken lassen sich in endloser Folge nebeneinander oder mittig versetzt über- und untereinander anordnen. Die Gleichförmigkeit des Besatzes ähnelt im Bildaufbau zeitgenössischen Papier- und Ledertapete.5 Die Ofenkachel verliert ihre Funktion als Träger eines in sich abgeschlossenen Bildprogramms. Das Ornament entfaltet seine eigentliche Wirkung erst im Zusammenspiel einer ganzen Gruppe gleichartig reliefierter Kacheln, unabhängig davon, ob damit ein rechteckiges oder zylindrisches Ofensegment besetzt war. Ein solches Dekorverständnis dürfte gegen 1500 entwickelt worden sein.6 Möglicherweise verdankt der Ofentypus seine Entstehung dem Streben, die Raumheizung der Dekoration des dazugehörigen Zimmers anzugleichen, in der Tapeten oder Textilbespannungen dominierten. Einer der frühesten Öfen mit Tapetendekor ist der Ofen mit zwei zylindrischen Aufsätzen, den Peter Aichner im Jahre 1517 für die Burg Trausnitz ob Landshut anfertigen ließ.7

Hier sehen Sie in Kürze die virtuelle Rekonstruktion des Ofens mit Kacheln mit Diamantschnittdekor. Dafür müssen Modelle mehrerer Einzelkacheln generiert werden:

Rekonstruktion einer Blattkachel mit Diamantschnittdekor von der Burg Bartenstein, Untermain, zweite Hälfte 16. Jahrhundert

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

Appuhn, Horst; Heusinger, Christian von (1976): Riesenholzschnitte und Papiertapeten der Renaissance. Unterschneidheim.

Bellwald, Ueli (1980): Winterthurer Kachelöfen. Von den Anfängen des Handwerks bis zum Niedergang im 18. Jahrhundert. Bern.

Ermischer, Gerhard (1996): Die Tapetenkacheln und Aufsätze aus der Grabung Schloßplatz 2. In: Gerhard Ermischer (Hg.): Schlossarchäologie. Funde zu Schloß Johannisburg in Aschaffenburg. Aschaffenburg, S. 81–85.

Franz, Rosemarie (1981): Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus. 2. verb. u. verm. Aufl. Graz.

Heidenreich, Herbert (1978): Teppichmuster an Renaissance-Öfen im Museum der Schwalm. In: Schwälmer Jahrbuch 1977, S. 140–143.

Koldeweij, Eloy (1992): Het Gouden Leer. In: Monumenten en landschappen 11 (6), S. 8–32.

Koldeweij, Eloy (2004): Zur Entwicklungsgeschichte der Goldledertapeten. In: Hendrik Bärnighausen (Hg.): Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung, Dresden, S. 13–23.

Majewski, Marcin (2015): Renesansowe kafle zachodniopomorskie. Studium z historii ogrzewania wnętrz mieszkalnych. [Westpommersche Renaissancekacheln. Studie zur Geschichte der Beheizung der Wohnräume]. Stargard: Muzeum Archeologiczno-Historyczne.

Pillin, Hans-Martin (1990): Kleinode der Gotik und Renaissance am Oberrhein. Die neuentdeckten Ofenkacheln der Burg Bosenstein aus den 13.-16. Jahrhundert. Kehl: Morstadt.

Stephan, Hans-Georg (1991): Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert im unteren Werra-Raum. Witzenhausen (Schriften des Werratalvereins Witzenhausen, 23).

Tamási, Judit (1995): Verwandte Typen im schweizerischen und ungarischen Kachelfundmaterial in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Vergleichsuntersuchungen zu den Werkstattbeziehungen zwischen dem oberrheinischen Raum und Ungarn. Budapest: Ungarisches Landesdenkmalamt (Müvészettörténet-Müemlékvédelem, VIII).

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


  1. Zur Motivgruppe: Majewski 2015, S. 219; Pillin 1990, S. 120-123, Kat.-Nr. 41-42
  2. Tamási 1995, S. 42-44
  3. Bellwald 1980, S. 29, Abb. 10
  4. Zu Tapetendekoren (= Teppich- oder auch Rapportmuster) auf Ofenkacheln: Ermischer 1996; Heidenreich 1978; Stephan 1991.
  5. Zu Papiertapeten siehe Appuhn/Heusinger 1976, S. 87-103; Wisse 2005. Zu Ledertapeten siehe Koldeweij 1992; Koldeweij 2004
  6. Franz 1981, S. 99-100
  7. Franz 1981, S. 99