Die virtuelle Rekonstruktion eines Kachelofens

Immer den Krümeln nach – Die virtuelle Rekonstruktion eines Kachelofens

Die virtuelle Rekonstruktion eines Kachelofens1 ist ein effektives Werkzeug, um mit diesem die Quintessenz intensiver Forschung publikumswirksam und eingängig darzustellen. Die Methode hat Stärken und Schwächen.

Für die Visualisierung ist die Argumentationsgrundlage entscheidend, in der festgelegt wird, welche Art von Rekonstruktion anzustreben ist: Geht es in Anlehnung an den archäologischen Befund um die funktional und formal stimmige Einbindung der Ofenkacheln in ein übergeordnetes Ganzes? Ist es das Ziel, die Idealrekonstruktion eines werkstattfrischen Ofens zu entwickeln? Geht es möglicherweise darum, eine Vorstellung über das Aussehen der Kachelöfen einzelner Bauphasen eines länger genutzten Bauwerks zu erhalten? Besteht die Notwendigkeit, die Ofenkachel in einem Ofenkörper so zu positionieren, daß dem Betrachter bestimmte Details vor Augen geführt werden können?

Öfen aus musealen Beständen lassen sich nur unter Vorbehalt als Ausgangspunkte für eine Ofenrekonstruktion heranziehen. Erst das Zusammenspiel von einer genauen und umfassenden Analyse der Kachelbruchstücke unter Einbeziehung der praktischen Aspekte ihrer Nachfertigung2 in Kombination mit zeitgenössischen Abbildungen und Ofenmodellen bildet die tragfähige Grundlage für eine hypothetische und gegebenenfalls auch eine reale Ofenrekonstruktion. Letztlich ist und bleibt jede Ofenrekonstruktion ein Wagnis und eine hohe Verantwortung zugleich. Das Ganze beruht auf einer sehr dünnen Argumentationsgrundlage. Der Bearbeiter muss sich darüber im Klaren sein, daß mit der Visualisierung, ob nun virtuell oder real, eine lange nachwirkende Wahrnehmung geschaffen wird, in die der Zeitgeist ihrer Entstehung Eingang in die Konzeption findet. Trotz solcher Vorbehalte dürfen die Kachelfragmente nicht völlig kontextlos dem Besucher dargeboten werden. Gerade die oft unansehnlichen Bruchstücke können im Idealfall ihre Aussagefähigkeit erst im Zusammenspiel mit der Gesamtheit des Ofenkörpers voll zur Geltung bringen. Nur über die Rekonstruktion des einzelnen Bildfelds, des dazugehörigen Rahmens oder sogar des Ofens ist es möglich, den Betrachter einer unscheinbaren Scherbe dazu zu bringen, sich näher mit dieser auseinanderzusetzen.

© Harald Rosmanitz, Partenstein 2022


Literaturverzeichnis

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  1. Roth Heege 2012b, S. 127-178
  2. Bauer 2018, S. 22-25; Grützmacher 1984; Heidenreich 1977; Kristiansen 2003; Kristiansen 2008; Majewski 2015, S. 73-78; Müller 2014, S. 36-59; Mikšík et al. 1986; Pařík/Hazlbauer 1991; Roth Heege 2012a; Sabján 1987; Vitanovský/Menoušková 2010; Vlach 2011; Volf 2017